Devotionale Fitness als Neujahrsvorsatz?
von Benedikt Bauer
von Benedikt Bauer
Die Weihnachtszeit, in der die dunklen Tage mit Plätzchen und ausgiebigen Festtagsessen versüßt werden, ist nun um; den zusätzlichen Pfunden, die so manche – natürlich nur als Speicher für den langen Winterschlaf – am Jahresende mit sich tragen, wird regelmäßig als Neujahrsvorsatz der Kampf angesagt. Ob es die neue Fitnessstudiomitgliedschaft oder die neueste Trenddiät ist: Viele Menschen versuchen den kalendarischen Jahresbeginn zur Modifikation im Sinne der normschönen körperlichen Selbstoptimierung zu nutzen – ganz im Gegensatz zu jeglicher body positivity. Dass solche Versuche bisweilen religiöse Züge annehmen können, ließe sich aus einer religionswissenschaftlichen Perspektive durchaus diskutieren. Dass jedoch die körperliche Selbstoptimierung und die Beteiligung des Körpers in privater Frömmigkeit oder institutionalisiertem Ritual per se ein Thema von Religion sein können, wird nicht nur in monastischer Askese oder religiösen Fastenbräuchen u.ä. ersichtlich.
In der Zeitgeschichte und Gegenwart des primär US-amerikanisch-evangelikalen Christ_innentums liegt so ein Phänomen in der sog. „devotionalen Fitness vor“. Devotionale Fitness bezeichnet die Verbindung von christlicher Frömmigkeit mit Diät-, Fitness- und Lebensstilprogrammen, in denen körperliche Selbstoptimierung als spirituelle Praxis verstanden wird. Sie beruht auf der Vorstellung, dass G*tt direkte Anweisungen für Ernährung, Bewegung und Lebensführung gibt und dass Gehorsam gegenüber diesen Impulsen zu körperlicher Veränderung, innerer Reinigung und spiritueller Erneuerung führt.
Die Autor_innen solcher Programme berichten von g*ttlichen Eingebungen oder Erleuchtungsmomenten, die zu konkreten Verhaltensweisen – vom richtigen Essen bis zur täglichen Bewegung – anleiten. Die Programme greifen z.T. klassische mystische Muster auf und deuten körperliche Veränderungen als sichtbare Zeichen spiritueller Transformation.
Ein „klassisches“ Beispiel findet sich in der Veröffentlichung Free To Be Thin (1979). Dort beschreiben Marie Chapian und Neva Coyle, wie Christ_innen lernen sollen, die „Stimme G*ttes“ beim Essen zu hören. Sie gibt direkte Anweisungen wie „Don’t eat that“ oder „Now feast on me“. Der spirituelle Fortschritt zeigt sich hier unmittelbar im Alltäglichen: beim Griff in den Kühlschrank, beim Einkauf oder bei der Auswahl eines Snacks – und ebenso in der schrittweisen Erreichung des von G*tt festgelegten Idealgewichts.
Damit wird die alltägliche Ernährung zu einem spirituellen Trainingsfeld. Die Gläubigen sollen einerseits ihre körperlichen Gewohnheiten ändern, andererseits aber auch den inneren Dialog mit G*tt stärken. Aus einer simplen Entscheidung – esse ich dieses Stück Kuchen oder nicht? – wird ein Akt religiöser Frömmigkeitspraxis. Die Veränderung des Körpers gilt dann als somatisches Zeichen g*ttlicher Führung und als sichtbares Ergebnis der inneren Transformation.
Ebenso lassen sich Fusionen devotionaler Fitness mit der sog. „Muscular Christianity“ beobachten – hier treten zur Fokussierung des Körpers als Ausdruck „richtig“ verstandener Frömmigkeit gleichfalls Überlegungen zur Männlichkeit Jesu Christi und seiner idealisierten Körperlichkeit. Zumeist wird ein muskulöser Christus imaginiert und dargestellt, dessen Anhänger_innen ebenso durchtrainiert zu sein haben. Im Fall des „Power Teams“ werden diese (Körper)Ideale mit einem missionarisch-sozialen Impetus verknüpft, der Jugendliche und junge Menschen – wie es schon in der auch aus der Muscular Christianity stammenden YMCA-Bewegung der Fall war – auf den „rechten Weg“ bringen, Unternehmen motivieren oder Kirchen konsolidieren soll. Als „hook“ für die Botschaft vollführt das Power Team „tests of strength“, indem in Events gestapelte Ziegelsteine auf der Bühne zerschlagen, Baseballschläger zerbrochen oder Handschellen durch physische Kraft gesprengt werden. Dabei dürfen auch der ein oder andere pyrotechnische Effekt sowie klassische g*ttesdienstliche Elemente wie Gebet oder Altar Call nicht fehlen.
Die Kraft des muskulösen Christus wohnt also auch seinen Anhängern – nur ganz vereinzelt treten hier auch Frauen auf – inne, die körperliche und spirituelle Ideale vereinen.
Ausläufer dieser zunächst originär amerikanisch-evangelikalen Frömmigkeit finden sich mittlerweile z.B. in Form von „christlichem Yoga“ auch in Deutschland wieder. Ob nun die devotionale Fitness mit ihren religiös aufgeladenen Schönheits- und Körperidealen als Neujahrsvorsatz ambitionierter Personen dienen mag oder ob es doch eher ein spannendes Forschungsobjekt an der Schnittstelle von Körper und Religion ist, muss jedoch notwendigerweise offenbleiben.
Benedikt Bauer