Von der Freiheit zu Schweigen

von Anastas Odermatt

Meinungsfreiheit verbinden wir mit dem Recht zu sprechen: Überzeugungen öffentlich zu äußern, Autoritäten zu kritisieren, Mehrheiten infrage zu stellen. Die Geschichte der südfranzösischen Kleinstadt Dieulefit verweist auf eine andere Seite dieser Freiheit. Während des Vichy-Regimes und der Besatzung Frankreichs fanden dort rund 1.500 jüdische und politisch Verfolgte Schutz. Viele Einwohner:innen wussten davon, dennoch wurde fast niemand denunziert. Anne Vallaeys (Fayard, 2008) nannte es le miracle du silence – das Wunder des Schweigens.

Spannend ist, aus welchen kulturellen Ressourcen heraus Menschen hier staatliche Autorität als illegitim beurteilen konnten und beschlossen haben, zu Schweigen. Dieulefit war konfessionell gemischt mit einer protestantischen Mehrheit und einer katholischen Minderheit. Angehörige beider Traditionen halfen den Verfolgten. Prägend hierfür war der starke protestantische Anteil im Département Drôme, seit dem 19. Jahrhundert ein republikanisches Bollwerk. Die Hugenotten hatten selbst erfahren, was es bedeutet, wenn politische Autorität über legitimen und illegitimen Glauben entscheidet: Das Edikt von Nantes gewährte ihnen 1598 begrenzte Rechte, 1685 widerrief Ludwig XIV. diese. Gottesdienste wurden verboten, Kirchen zerstört, Konversion erzwungen. Diese Vergangenheit lebt in Familiengeschichten, Erinnerungen und dem kollektiven Gedächtnis weiter und wird so zur gesellschaftlichen Ressource. Als zentrale Antriebskraft wirkten zudem die Leiterinnen der Reformschule Beauvallon und mit ihnen reform-pädagogische Ideale. Die eigene Erinnerung an religiöse Unfreiheit schuf gemeinsam mit freiheitlichen Idealen einen Resonanzraum, in dem die Verfolgung anderer Menschen und Minderheiten verstanden und partizipiert werden konnte. Aus partikularer Erinnerung wurde universelle Solidarität.

Das führt zur Religionsfreiheit, als Grundrecht im heutigen Verständnis – historisch nicht selbstverständlich, sondern erkämpft in Konflikten darüber, wer bestimmen darf, was Menschen glauben und praktizieren. Religionsfreiheit begrenzt Macht und Autorität: Ein Staat, der sie gewährt, verzichtet auf eine verbindliche religiöse Wahrheit und schützt die individuelle Freiheit, Religion und Weltanschauung zu wechseln oder keiner anzugehören. Ihre Bewährungsprobe liegt beim Anderen: Erst wenn ich bereit bin, fremden Glauben und andere Meinungen zu schützen, wird aus einem Gruppenprivileg ein universelles Freiheitsrecht. Dieulefit fügt dem eine Wendung hinzu: Freiheit wurde hier nicht durch Sprechen verteidigt, sondern durch Schweigen. Das Regime und die Besatzungsmächte wollten wissen: Wer ist Jude? Wer gehörte zur Résistance? Wer hilft den Flüchtlingen? Dass die Gemeindesekretärin Jeanne Barnier über Jahre hinweg falsche Papiere ausstellte oder die Schule Beauvallon zum Zufluchtsort für jüdische Kinder wurde, zeigt: Das Schweigen war aktives, kollektives Verweigern von Auskunft. Nicht zu antworten, wurde zum Widerstand.

Macht funktioniert stark kommunikativ: Insbesondere autoritäre Herrschaft benötigt Informationen und Quellen, insbesondere Menschen, die andere identifizieren und diese Informationen weitergeben. Das Vichy-Regime registrierte und klassifizierte Menschen, machte Zugehörigkeit politisch folgenreich. Die Einwohner:innen von Dieulefit verweigerten sich diesem Mechanismus. Das kollektive Schweigen untergrub die folgenreiche Verkettung von staatlichem Wissen und Gewalt. Das ist eine wichtige, oft unterschätzte Seite der Meinungsfreiheit: Sie zwingt niemanden, alles zu sagen, was er weiß. Ihr verantwortlicher Gebrauch kann auch darin bestehen, die eigene Stimme bewusst nicht zur Verfügung zu stellen.

Eine religiöse Minderheit bewahrte die Erinnerung, selbst Objekt autoritärer Religionspolitik gewesen zu sein – und konnte darin in Resonanz mit freiheitlichen Idealen die Verfolgung anderer als Unrecht erkennen. Neun Bewohner:innen Dieulefits wurden dafür von Yad Vashem als «Gerechte unter den Völkern» geehrt. Freiheitsrechte brauchen gerade in der heutigen Zeit ein kulturelles Gedächtnis – ein Bewusstsein dafür, dass sie, wie in Dieulefit, aus konkreter Erfahrung erkämpft werden und deshalb ständig neu verteidigt werden müssen. Eine freie Gesellschaft braucht Meinungsfreiheit und den Mut zu sprechen. Manchmal braucht sie ebenso den Mut, Information zu verweigern.

Hinweis zum Reinhören in die Geschichte von Dieulefit: «Ein Ort, der den Nazis trotzte: Das Wunder von Dieulefit» Perspektiven Podcast vom 30. August 2026, SRF 2 Kultur.

Anastas Odermatt