Faszination Horror: Zwischen Angst und (Kontrollver-)Lust
von Luise Merkert
von Luise Merkert
Um ein bisschen Abstand vom Alltag, der Arbeit und den Sorgen des Lebens zu bekommen, gehen viele Menschen ins Kino. Für die Dauer des Films tauchen wir vollständig in dessen Handlung ein und verfolgen die Geschichten gespannt mit. Dabei ist unsere Erwartungshaltung je nach Genre verschieden: Ob actiongeladene Verfolgungsjagden, rührselige Romanzen oder eine zaubernde Eiskönigin, das zeitgenössische Kino hat viel zu bieten.
Wer diese Ablenkung vom Alltag jedoch im Horrorkino sucht, stößt an mancher Stelle auf Unverständnis. So hört man schnell den Satz „Ich könnte mir sowas ja nicht anschauen!“, erzählt man beispielsweise begeistert von dem neuen Teil der Gruselreihe INSIDIOUS: OUT OF THE FURTHER (Jacob Chase, US 2026), der vor einigen Wochen in die Kinos kam. Trotz der ambivalenten Reaktion auf das Genre erreichen Horrorfilme allerdings ein großes Publikum. Doch warum macht es Spaß, sich mit grauenvollen Szenarien und schrecklichen Gestalten auseinanderzusetzen?
Unterschiedliche Theorien beschäftigen sich mit der Faszination und dem Nutzen von Horrorfilmen. Einerseits wird die Konfrontation mit unseren Ängsten als hilfreich angesehen, wenn wir diese überwinden wollen. Indem uns Horrorfilme mit unserer Furcht vor Dunkelheit, gruseligen Monstern oder dem Verlust der eigenen Familie beschäftigen, setzen wir uns aktiv damit auseinander und lernen damit umzugehen. Andererseits wird der Konsum von Horrorfilmen als Ventil für Gewaltfantasien angesehen und dadurch zu einer lustvollen Erfahrung von Grenzüberschreitungen.
Das Konzept der Angstlust verbindet diese beiden Ansätze, indem es die zunächst gegensätzlich anklingende Erfahrung von Angst und Lust miteinander verknüpft. Die wichtigste Voraussetzung ist dabei das Bewusstsein, die angsteinflößende Situation in einem kontrollierbaren Rahmen zu erleben. Indem wir einen Horrorfilm erstens absichtlich und zweitens mit einer klaren Erwartungshaltung anschauen, wird die ausgelöste Angst in einen kontrollierbaren Rahmen überführt.
Das, was Angst auslöst, ist im Horrorkino unterschiedlicher Natur: Ob Monster, Zombieapokalypsen oder der Kontakt zur Welt der Toten, oft sind unkontrollierbare Situationen und der verzweifelte Versuch, diese abzuwenden, der Stoff, von dem Horrorfilme erzählen. Nicht selten adaptieren Horrorfilme dafür Narrative und Motive aus religiösen Traditionen und passen sie für ihre angsteinflößenden Geschichten an. Die religiösen Verweise, wie etwa die Dämonen in INSIDIOUS: OUT OF THE FURTHER, repräsentieren dabei eine Dimension des Unkontrollierbaren, die in die Welt der Protagonist*innen einbricht.
Die Lust an der Angst entsteht dann in genau dem Moment, in dem wir uns freiwillig mit ebendiesen unkontrollierbaren Situationen konfrontieren. Wir verfolgen den erbitterten Kampf gegen die bösen Mächte, fiebern mit den leidenden Protagonist*innen mit und erleben so die von uns erwünschte Angst in einem kontrollierten Rahmen. Hinter der Faszination am Horror steckt demnach weder die Suche nach Auflösung der Ängste noch der voyeuristische Wunsch, das Leiden anderer zu sehen, sondern sie basiert auf der beabsichtigten Angsterfahrung, deren Erfüllung mit einer positiven Identitätserfahrung verbunden ist.
Im Fall von INSIDIOUS: OUT OF THE FURTHER wird diese Wirkung durch das Happy End im Film noch verstärkt. Indem der Film die bedrohte Protagonistin und deren Familie im Kampf gegen das Böse gewinnen lässt, wird das adrenalinreiche Angsterlebnis im Kino als positiv abgespeichert und kann daher bald wiederholt werden.