Familie als Leitbild: Zwischen Norm und Realität

von Selina Schelian

Wie Familien ihr Zusammenleben gestalten, erscheint zunächst als Privatsache, ist jedoch durch gesellschaftliche Normen sowie entsprechende institutionelle Rahmenbedingungen geprägt. Vorstellungen von der ‚Normalfamilie‘ sowie ‚guter‘ und verantworteter Elternschaft basieren auf sozial konstruierten Familienleitbildern. Diese beeinflussen wiederum individuelle Familienbilder und prägen Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsmuster auf persönlicher Ebene. Doch wer definiert, was als ‚gute‘, ‚richtige‘ oder ‚normale‘ Familie gilt und wie verändern sich diese Vorstellungen im gesellschaftlichen Wandel?

Familienleitbilder werden durch gesellschaftliche Akteur:innen wie Politik, Medien, Wissenschaft und Religion geprägt, (re)produziert und stabilisiert. Sichtbar werden sie etwa in rechtlichen Regelungen, politischen Reformen, Werbung oder öffentlich-medialen Darstellungen von Familie. Vorstellungen davon, wie Familie ist und wie sie sein sollte, verändern sich jedoch im historischen und gesellschaftlichen Kontext.

So prägen beispielsweise das bürgerliche Familienideal des 19. Jahrhunderts sowie das in der Nachkriegszeit (1950er-Jahre) in US-amerikanischen Vororten gewachsene Idealbild der neolokalen Gattenfamilie (Vater-Mutter-Kind(er)) bis heute Vorstellungen ‚gelingenden‘ Familienlebens. Familie wird dabei heteronormativ gedacht, Ehe und Elternschaft erscheinen vor allem als Verbindung zwischen Mann und Frau. Gleichzeitig haben sich Familienformen und familiale Lebensweisen zunehmend pluralisiert: Gleichgeschlechtliche Ehen, queere Familien, Single-Parents-By-Choice oder Co-Elternschaften machen deutlich, dass sich Vorstellungen von Familie verändern und erweitern. Auch Geschlechternormen und Arbeitsteilungen innerhalb von Familien befinden sich im Wandel. So entwickelt sich die familiale Praxis vom Ernährermodell des Vaters und weiblicher Sorgearbeit hin zum sogenannten Adult-Worker-Modell, in dem beide Eltern erwerbstätig sind.

Politische und rechtliche Reformen haben diese Entwicklungen teilweise ermöglicht und begleitet. So wurde zum Beispiel 2017 die Ehe für alle beschlossen, welche die eingetragene Lebenspartnerschaft um das Ehe- und Adoptionsrecht erweiterte. Gleichzeitig lässt sich feststellen, dass bestimmte Familienformen weiterhin strukturell privilegiert werden. Das Ehegattensplitting beispielsweise bevorzugt noch immer verheiratete Paare, während Alleinerziehende häufiger von Armut betroffen sind und oft mit hohem bürokratischem Aufwand konfrontiert werden.

Deutlich wird damit, dass gesellschaftliche Familienleitbilder nicht immer mit den tatsächlichen Lebensrealitäten, Ressourcen und familialen Praktiken von Familien übereinstimmen. Familienleitbilder lassen sich daher als Ordnungssysteme verstehen, die gesellschaftlichen Aushandlungs- und Machtprozessen unterliegen. Was als ‚gute‘ Familie gilt, ist dabei nicht naturgegeben, sondern Ergebnis sozialer Konstruktionen und damit grundsätzlich wandelbar.

Selina Schelian