My Body, My Choice. Modest Fashion als weibliche Selbstermächtigungspraxis?

von Elke Pahud de Mortanges

«In diesem Aufzug gehst du AUF KEINEN FALL vor die Tür (in diesem Kleid, mit dieser Frisur etc.)». Das bekam die Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux von ihrer Mutter in den 50er Jahren des 20. Jhs. zu hören. Katholisch und fromm wie diese war, hatte sie panische Angst, Annie könnte «ein Unglück» passieren; worunter sie eine ungewollte Schwangerschaft verstand.

Keusch, schamhaft und anständig zu sein, das waren (und sind) Tugenden, die sich im christlichen, jüdischen und islamischen Kontext in spezifischen Kleiderregimen und Dresscodes materialisiert haben. Sie dien(t)en dazu, «den» weiblichen Körper, «die» weibliche Sexualität und «das» weibliche Begehren zu regulieren, da sündig und verderbt.

Seit den 2010er Jahren ist ein Modetrend namens Modest Fashion im Aufwind. Mittlerweile ist er ein global etabliertes, gewichtiges Marktsegment der Modeindustrie. Er bespielt sehr diverse geographische, kulturelle und religiöse Räume. Auf den digitalen Plattformen bewerben ihn nicht nur gläubige Muslimas, orthodoxe Jüdinnen und evangelikale Christinnen, sondern auch Frauen, die nicht (erkennbar) einer Religion angehören. Charakteristisch ist, dass die Kleidung Hals, Dekolleté, Arme und Beine ganz bedeckt; und lockere, weite Schnitte die Körperkonturen verbergen. Das Sortiment wird meist durch Kopftücher und Schals ergänzt.

Wirklich modest ist diese Mode nicht zwangsläufig. Nicht nur Fast-Fashion-Marken, sondern auch Haute-Couture-Häuser haben sie im Angebot. Mit dem einfachen Kleidungsstil der mennonitischen Reformbewegung der Amish hat sie nichts gemein. Am ehesten lässt sich der modesty-Aspekt mit Hildegard Suntinger so charakterisieren: «Modesty is about an attitude, it is all-inclusive to any woman from any faith, background or age who chooses to take a stand in how they present themselves».

Dass dieser Modest-Fashion-Trend zwischen weiblicher Selbstermächtigung und Re-Produktion religiöser (Abwertungs-) Diskurse über Anstand, Keuschheit und Scham oszilliert, wird schnell mal deutlich, wenn man sich auf den digitalen Plattformen umschaut. My Body, My Choice. Dieser Slogan bringt auf den Punkt, wofür die Generation von Annie Ernaux in den 68ern zu kämpfen begann: das Selbstbestimmungs- und Selbstverfügungsrecht von Frauen. My Body, My Choice, das bekunden auf social media auch Frauen, die Modest Fashion bewerben respektive tragen: sie reklamieren für sich das Recht, selber entscheiden zu dürfen, wie und wem sie ihren Körper zeigen. Sie verweigern sich jener Logik, welche weiblicher Verhüllung respektive Verschleierung immer schon unterstellt, sie sei (nur) Ausdruck religiöser Fremdbestimmung und patriarchaler Unterdrückung.

Das Plädoyer für Modest Fashion als Selbstermächtigungs-Praxis wird fragwürdig dort, wo es mit einem doppelzüngigen Get the attention you deserve beworben wird. Welches soviel meint wie: Man(n) soll Deine schöne Seele lieben und nicht Deinen aufreizenden Körper. Also zieh Dich «anständig» an, dann wirst Du auch «anständig» behandelt. Wer solchermassen eine Mitschuld der Opfer am «Unglück» von sexualisierter Gewalt insinuiert, katapultiert uns zurück in religiös motivierte Subtexte und Abwertungsdiskurse nicht nur der Fünfziger Jahre.

Elke Pahud de Mortanges