Religiöse Resonanz pflegen

von Christoph Schneider

Der Spielfilm HELDIN (Petra Volpe, CH/DE 2025) begleitet die Pflegefachfrau Floria Lind während einer Spätschicht in einem Schweizer Kantonsspital und zeigt einige exemplarische Weltausschnitte aus der Arbeitswelt der Protagonistin. Aufgrund eines zu niedrigen Betreuungsschlüssels führt Lind unter höchstem Zeitdruck pflegerische Tätigkeiten durch. Sie diskutiert Vorgehensweisen in unklaren Fällen im interprofessionellen Team, informiert Angehörige bei kritischen medizinisch-pflegerischen Fragen und leitet währenddessen noch eine Auszubildende an. Der Film macht deutlich, wie die vielfältigen Aufgaben in der Pflege zur Zerreißprobe werden können, wenn man jedem Individuum gerecht werden will. Gleichzeitig stellt die Fokussierung auf den je individuellen Weltausschnitt einer pflegebedürftigen Person den zentralen Bezugspunkt der Pflege dar. Denn der pflegerische Arbeitsmodus ist zwischenmenschlich und beziehungsorientiert, anders als in der Medizin geht es bei pflegerischem Handeln im Allgemeinen weniger um Heilung, sondern darum, Pflegebedürftige darin zu unterstützen, wieder Integrität in ihrer eigenen Körperlichkeit zu erlangen.

Diese stark relationale Arbeits- und Beziehungsweise ist – mit dem Jenaer Soziologen Hartmut Rosa gesprochen – inhärent auf Resonanz ausgelegt, also auf einen beidseitig produktiven Beziehungsmodus, der durch seine Wechselseitigkeit dem Verhältnis von Pflegenden und Pflegebedürftigen zuträglich sein kann: Wer nämlich in Resonanz mit einem Weltausschnitt tritt, lässt sich von diesem berühren und vermag auf diese Berührung in einem spontan entwickelten Interesse wiederum aktiv zu antworten. Es entstehen für das Subjekt so veränderte oder gänzlich neue Perspektiven auf den Weltausschnitt. Dies kann sich zwischen zwei Menschen ereignen, aber auch zwischen einem Subjekt und den es umgebenden Sphären. So kann es auch zwischen einem Subjekt und letztgültigen Wirklichkeiten bzw. Sinnhorizonten wie Religiosität zu Resonanz kommen.

Die Ausprägung von Resonanzverhältnissen steht entgegengesetzt zu Entfremdungsprozessen, denen die Spätmoderne aufgrund struktureller Beschleunigungszwängen unterliegt und die Gleichgültigkeit oder sogar Feindschaft zwischen Subjekt und Weltausschnitten hervorrufen können. Besonders in der immer stärker ökonomischen Logiken unterliegenden Pflege haben laut Rosa derartige „Beziehungen der Beziehungslosigkeit“ das Potenzial, zwischenmenschliche Meinungsbildung und -äußerung zu unterminieren. Für pflegerische, aber auch ärztliche Beziehungen bedeutet das auf beiden Seiten mindestens erschwerte kommunikative Bedingungen, im Extremfall gar die Gefahr von Behandlungsabbrüchen.

In Resonanz zu treten bedeutet, ein beidseitiges Veränderungsgeschehen einzugehen, das allerdings weder mit Gleichschaltung noch mit Vereinnahmung gleichzusetzen ist; Resonanz kann auch gerade dann auftreten, wenn verhandelt oder diskutiert wird. Der Begriff der Meinungsfreiheit ist so verstanden weniger ein juristisches Traktat, sondern kann im Sinne einer kommunikativen und inhaltlichen Offenheit in Pflegebeziehungen resonanzbefördernd wirken – auch weil so ein Gegengewicht zu vorhandenen ökonomischen und strukturellen Zwängen des Gesundheitswesens etabliert werden kann.

Eine der Resonanzachsen, die dabei oft verhältnismäßig unberücksichtigt bleibt, ist die des Religiösen – obwohl gerade gesundheitliche Grenzsituationen wie die der Pflegebedürftigkeit häufig zum Anlass für die Beschäftigung mit der eigenen Religiosität werden. Das eben erläuterte Verständnis von Meinungsfreiheit kann in seiner ganzheitlichen Herangehensweise den Blick darauf lenken, religiöse Dimensionen als im Krankheits- bzw. Pflegefall für viele Menschen auf einmal durchaus relevant werdende Sphären mehr in die Aushandlungsprozesse von Behandlungs- und Beratungssituationen miteinzubeziehen. Besonders für Pflegebeziehungen in einer nur mehr beschleunigten und sich von den in ihr agierenden Individuen entfremdenden Gesundheitsversorgung ist das von hoher Bedeutung.

Dass hier häufig eine Leerstelle vorliegt, zeigt sich auch in HELDIN: Floria Lind realisiert offenkundig bereits resonante Pflege. Dabei spricht sie im Versuch, die Lebenssituationen ihrer Patientinnen und Patienten zu verbessern allerdings keine explizit religiösen Dimensionen an. Vielleicht würde es sich für das Ziel resonanter und damit produktiver Pflegebeziehungen also lohnen, Religion noch aktiver zum Gegenstand einer noch offeneren, meinungsfreien, aber nicht meinungslosen Kommunikation zu machen.

Christoph Schneider