Körper, Sexualität und Religion

von Stefanie Knauß

Gian Lorenzo Bernini, Die Ekstase der heiligen Theresa (1647–1654, Rom, Santa Maria della Vittoria).

Den Kopf zurückgeworfen, die Augen halb geschlossen, die Lippen wie für einen Seufzer oder ein Stöhnen leicht geöffnet: Kennen wir dieses Bild nicht aus Sex-Szenen im Kino, aus der Werbung oder der Pornographie? Der Psychoanalytiker Jacques Lacan jedenfalls hatte keinen Zweifel, dass wir hier eine Frau im Moment des Orgasmus sehen. Aber halt, wer ist diese Frau denn? Es ist die heilige Theresa von Avila in der berühmten Darstellung des Bildhauers Gian Lorenzo Bernini (1647–1652, Rom, Santa Maria della Vittoria).

Wie – eine Heilige? Und Sexualität? Wie passt das zusammen?

Vanitas-Objekt, Sammlung Olbricht, vermutlich aus dem Barock; Foto: Katrin Wagner; abgedruckt mit Genehmigung.

Wenn wir an Sexualität und Religion denken, dann assoziieren wir vielleicht eher so ein Bild: eine kleine Statue, vermutlich aus dem Barock, die von der einen Seite eine schöne Frau zeigt, auf der anderen Seite jedoch ein von Würmern zerfressenes Skelett: ein Memento mori, das an die Vergänglichkeit und Sterblichkeit aller Menschen erinnern soll. Die Symbolisierung von Vergänglichkeit als Frau assoziiert gleichzeitig den Ursprung der menschlichen Sterblichkeit, den Sündenfall im Paradies, als Eva von der Schlange dazu verführt wurde, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Der Tod kam durch die Frau in die Welt, so die geläufige Deutung dieses biblischen Textes, die auch in dieser kleinen Statue ihre Darstellung findet. In der Folge wurde diese erste Verfehlung sexualisiert, so dass Weiblichkeit mit Sexualität und Sünde verknüpft wurde, eine Assoziation, die bis heute ihren Reflex in der westlichen Kultur findet: Filme wie Fatal Attraction (Adrian Lyne, US 1987) oder Basic Instinct (Paul Verhoeven, US 1992) erzählen von der Gefahr, die von der sexuell verführerischen Frau ausgeht. Nicht überraschend wurde und wird deshalb vor allem die weibliche Sexualität durch moralische, soziale und auch rechtliche Normen kontrolliert und reguliert.

Die heilige Theresa jedoch zeigt uns ein anderes Verständnis von Sexualität im christlichen Kontext: nicht ein Instrument des Teufels, sondern im Gegenteil Quelle der Begegnung mit Gott. Bernini zeigt Theresa im Moment einer Vision, in der sie von der Lanze eines Engels durchbohrt wird. Im Buch meines Lebens (29.13) beschreibt sie dieses Erlebnis als “eine so zärtliche Liebkosung, die sich hier zwischen der Seele und Gott ereignet, daß ich ihn in seiner Güte bitte, es den verkosten zu lassen, der denkt, ich würde lügen.” Obwohl als geistiges Erleben beschrieben, unterstreicht Theresa, dass ihr Körper daran einen großen Anteil hat. In seiner Darstellung interpretiert Bernini diese ‘Zärtlichkeit’ als erotische Passion, im Einklang mit anderen Mystikern und Mystikerinnen wie Hadewijch von Antwerpen oder Ruprecht von Deutz, die ihre Gottesbeziehung als erotisch und sexuell erleben. Um sie in Worte zu fassen, greifen die Mystiker:innen auf die biblische Tradition des Hohenlieds zurück, dessen Lieder von sexuellem Begehren und seiner Erfüllung in einen religiösen Kontext gesetzt werden. Die Theologin Grace Jantzen schlussfolgert deshalb: “[I]t is precisely through actual eroticism that lessons of God are to be learned.”

Sexualität nicht als minderwertig oder gar sündig, sondern vielmehr als ein Raum der Gottesbegegnung im Erleben eines Begehrens, das über die irdische Materialität hinausreicht, aber gerade in der materiellen Körperlichkeit des Menschen seine Erfüllung findet: Berninis Theresa verweist uns auf die mehrdeutige Rolle, die Sexualität im Christentum (wie auch in anderen Traditionen) gespielt hat und immer noch spielt und öffnet neue, positive Perspektiven.

Stefanie Knauß