Alte Stereotypen in neuem Gewand?
von Dolores Zoé Bertschinger
von Dolores Zoé Bertschinger
„Darf ich dein T-Shirt fotografieren?“
Der Mann dreht mir lachend seinen Rücken zu. Das weiße T-Shirt ist mit einem bemerkenswerten schwarzen Bild bedruckt: einer rauchenden Nonne! Darüber die Aussage: GOD IS A LIE.
„Was für eine Provokation!“, denke ich und halte meine Handykamera drauf.
Schon einige Tage später bin ich mir nicht mehr so sicher: Ist das Shirt eine Provokation? Oder genauer: Was genau ist daran eigentlich so provokant? Die Leugnung Gottes? Die Darstellung der Frau als Ordensschwester mit Habit und Kreuzkette, dazu mit dämonischen Augen, Tätowierungen und einem Joint in der Hand? Oder ist es die Tatsache, dass ein Mann dieses Frauenbild zur Schau stellt?
Die Frauenfigur ist ikonografisch komplexer, als sie mir auf den ersten Blick erschien, denn sie vereint drei verschiedene Frauen-Stereotypen in sich: die Nonne im Habit einer Karmelitin mit Heiligenschein und Kreuzkette, die Femme fatale mit vollen, halboffenen Lippen und einer lasziven Geste des Rauchens und die dämonische Hexe mit leeren Augen, dem nach oben geöffneten Halbmond und der Tätowierung von Spinnennetz und Schlange auf dem Handrücken. Die Figur ist also eine irritierende Mischung aus Religion, Sex und Horror.
Der T-Shirt-Träger hat mit der Frauenfigur nur eines gemeinsam: das Septum-Piercing in der Nasenscheidewand. Ansonsten ist er weder der katholischen Tradition noch der Erotikszene oder einem Wicca-Orden zuzuordnen. Sein Irokesenschnitt verrät ihn vielmehr als Anhänger der Punk-Subkultur, für die provozierendes Aussehen und nonkonformistisches Verhalten charakteristisch ist. Das T-Shirt des Mannes ist ein modisches und ein ideologisches Statement, mit dem er seine Ablehnung der religiösen Autorität eines Gottes zum Ausdruck bringt. Dabei negiert der Spruch auf dem T-Shirt Gott nicht durchweg – Gott ist nicht tot – er ist bloß nicht die absolute Wahrheit. Der Spruch spielt mit einem dualistischen Weltbild von wahr/unwahr, richtig/falsch, gut/böse. Der farbliche Kontrast des T-Shirts in Weiß und Schwarz unterstreicht dies. Nicht nur das Bild, auch der Spruch ist also irritierend oder paradox, weil er einer religiösen Autorität den Status abspricht und gleichzeitig gerade dadurch Fragen nach Religion provoziert.
Zum dualistischen Weltbild, das das T-Shirt kommuniziert, gehört auch die Geschlechterthematik. Der religiös konnotierten Frauenfigur im Bild wird im Text ein männlicher Gott zu- und räumlich übergeordnet. Der T-Shirt-Druck spielt also mit der patriarchalen Geschlechterhierarchie, in der Frauen Männern untergeordnet sind. Und sie spielt mit der kirchlichen Hierarchie, in der Ordinierte Gott unterworfen sind. Die sündigende, rebellierende Nonne ist eine doppelte Provokation gegen die religiöse Autorität, die der Punker ablehnt. Die Darstellung der lasziven Nonne bedient jedoch auch eine alte Tradition: das Stereotyp der hypersexuellen Frau, das bis heute in vielen Religionen und Kulturen zur Regulierung weiblicher Sexualität angeführt wird. In dieser Lesart perpetuiert das T-Shirt misogyne Klischees. Gleichzeitig subvertiert es genau diese Normen, indem es Rauchen, Piercings und Tattoos als selbstverständlichen Ausdruck weiblicher Freiheit zeigt – sogar im Kontext von Religion. Das T-Shirt oszilliert also zwischen der Reproduktion patriarchaler Stereotype und der Feier weiblicher Autonomie. Ist es deshalb ein feministisches Statement oder nur ein punkiges Accessoire, das alte Stereotype in neuem Gewand verkauft?
Die Aussage des T-Shirts wäre eine andere, würde dort „GODDESS IS A LIE“ stehen. Sie wäre eine andere, würde dem Spruch ein kiffender Priester mit laszivem Blick beigestellt. Und sie wäre ein andere, würde eine Frau das T-Shirt tragen. Zuletzt ist für die jeweilige Bedeutung des T-Shirts auch der Kontext zentral: Wo trägt der Punker dieses T-Shirt? Ich habe ihn im Zürcher Kreis 4 fotografiert, einem traditionellen Arbeiter:innen- und Migrant:innenviertel, das auch das Zürcher Rotlichtmilieu umfasst. Erst in diesem Kontext erhält das T-Shirt mit der verführerischen Nonne und der Aussage, Gott sei eine Lüge, seine provokante Bedeutung. Denn die Meinungsfreiheit des Punkers findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern trifft auch auf diejenigen, die Religion, Sex und Horror ganz anders erleben.