Weißstörche auf der Mariensäule
von Anna Hepting
von Anna Hepting
Foto: L. Hepting
Seit Ende März können die Freisinger Bürgerinnen und Bürger ein ungewöhnliches Spektakel in der Domstadt beobachten: Zwei Weißstorchenpaare bauen ihre Nester in der Innenstadt. Eines bezieht sein neues Domizil auf dem Dach des Rathauses, während das zweite Paar versucht, ein Nest auf der danebenliegenden Mariensäule zu bauen. Diese 1674 aus rotem Marmor gefertigte Säule wird von einer Marienfigur gekrönt und ist für den Bau eines Horstes, der mindestens 500 kg wiegt, gänzlich ungeeignet. Die wohl jungen Störche sind jedoch fest entschlossen, sich auf dem historischen Wahrzeichen der Stadt niederzulassen und dort ihren Nachwuchs aufzuziehen. Trotz vieler vergeblicher Versuche, ein stabiles Fundament auf der Krone der Maria zu errichten, geben die Störche auch Tage später nicht auf und bauen weiter. Die Verantwortlichen der Stadt sorgen sich mittlerweile um die Unversehrtheit der Mariensäule und bereiten einen anderen, geeigneteren Standort für die Gründung der Storchenfamilie vor. Bis dieser von den Störchen bezogen werden kann, werden diese das Denkmal wohl weiter nach ihrem Geschmack „dekorieren“.
Der Anblick eines Storches an der Spitze einer Säule oder eines Holzmastes ist für die bayerische Bevölkerung dabei durchaus nichts Neues. Auf sogenannten Kindsbäumen, die zur Hochzeit oder Geburt am Wohnort der frischgebackenen Eltern aufgestellt werden, thront meist ein Storch. Der große weiß-schwarze Vogel steht dabei sowohl für die Vorstellung, dass Neugeborene vom Storch gebracht werden, symbolisiert aber auch das Glück, das ein Kind in das Leben der Eltern und deren Familie bringt.
Die symbolische Verbindung von Storch und Familie hat eine lange Geschichte. Altägyptischen Erzählungen zufolge zeichnen sich Störche durch ihre fürsorgliche Beziehung zwischen Eltern und Jungen aus. Die erwachsenen Störche kümmerten sich nicht nur liebevoll um ihren Nachwuchs, sondern auch die Jungvögel sorgten sich um die älter und schwächer werdenden Eltern. Auch wenn diese Annahmen aus heutiger Sicht nicht bestätigt werden können, ist diese Vorstellung auch in der griechischen Antike zu finden. Die junge Bevölkerung habe sich im Sinne der Antipelargesis („Storchendank“ vom griechischen Wort pelagros für Storch) um ihre Eltern zu sorgen, wenn diese es benötigen, und ihnen somit für die eigene Fürsorge im Kindesalter zu danken. Im Römischen Reich wird das „Storchengesetz“ weiter ausgebaut und religiös aufgeladen. Der Storch wird Teil der Darstellung der Pietas, eine der zentralen Tugenden im antiken Rom, die Frömmigkeit, Pflichttreue und Ehrfurcht gegenüber Göttern, Eltern, Verwandten und dem Staat symbolisiert.
Das frühe Christentum sieht im Storch schließlich die Verkörperung des vierten Gebotes, das dazu auffordert, Vater und Mutter zu ehren. Außerdem gilt der Storch symbolisch als Gegenspieler des Teufels, da er unter anderem Schlangen frisst, die für das Fehlverhalten von Adam und Eva verantwortlich gemacht und als teuflisch angesehen werden. Pietistische Strömungen nutzen nach der Reformation das positive Bild des Storches und seine Bedeutung für Familien, um die Themen Sexualität und Geburt zu verklären. Sie verbreiten die Vorstellung, dass der Storch den Frauen das Kind bringt – einfach so, ganz ohne Sex oder Geburtsschmerzen.
Ob das Weißstorchenpaar in Freising sich diesen mannigfaltigen Bedeutungen bewusst ist und deshalb diesen Ort für den Bau seines Horstes ausgewählt hat, ist unwahrscheinlich. Es bleibt zu hoffen, dass die eindrücklichen Vögel demnächst einen geeigneteren Standort für ihren Nistplatz beziehen können, um der Stadt möglichst lange erhalten zu bleiben.